Schwarzes Gold in der Krise: Jetzt Öl kaufen?

Ölpreis negativ - werden wir jetzt für das Tanken bezahlt ... oder was?
Schwarzes Gold in der Krise_ Jetzt Öl kaufen?

Das Wichtige Zuerst: Nein, jetzt kein Öl kaufen. Punkt.

Oder ein wenig genauer: am 20.04.2020 hatten die Rohstoffmärkte Etwas zu bieten, das es so noch nie zuvor gegeben hat: Einen „Ölpreis“ von fast  Minus 40 Dollar. Wie bitte? Also ich bestelle mir ein Fässchen Öl und bekomme noch knapp 40 Dollar oben drauf geschenkt, super! Du ahnst es schon. Ist zwar eine schicke Headline aber eben auch nicht mehr.

Eine Erklärung:

Ölpreis ist nicht gleich Ölpreis

Weltweit existieren dutzende verschiedene Rohölsorten mit unterschiedlichen Preisfeststellungen und Eigenschaften, die für die Weiterverarbeitung in Raffinerien Vorteile und auch Nachteile bieten.

Für Energieträger wie beispielsweise Öl ist die New York Mercantile Exchange (NYMEX) eine der wichtigsten Börsen. Für unterschiedliche Rohstoffgruppen gibt es weltweit diverse, spezielle Börsen. 

An der Terminbörse in New York werden jedoch – auch wenn es weltweit viele verschiedene Öle gibt – ausschließlich standardisierte Produkte in Bezug auf Referenzöle gehandelt. Andere Ölsorten orientieren sich dann eben an deren Preisentwicklung. 

In Deutschland ist die European Exchange (Eurex) eine der größten Terminbörsen weltweit für Finanzderivate wie Futures und Optionen. 

In den USA ist das meistgehandelte Referenzöl West Texas Intermediate – WTI

Bei uns in Europa ist es hingegen Brent Crude Oil – umgangssprachlich auch einfach Brent Rohöl genannt. 

Wie funktioniert der Ölmarkt und was sind Futures?

Das Wichtigste vorab: der Rohstoffmarkt (und somit auch der Ölmarkt) funktioniert nach eigenen Gesetzen und ist ein sehr spezieller Markt. Wenn Du denkst, Du hast den Aktienmarkt verstanden und Du weißt, wie Kurse zustandekommen, dann heißt das lange noch nicht, dass Du jetzt auch den Ölmarkt verstanden hast. Dieser hat eigene Regeln und ist sehr komplex.

Die meisten Öle werden über Futures gehandelt. Ok. Was ist denn nun ein Future?

Ein Öl-Future ist ein Kontrakt, der festlegt, dass der Käufer eine bestimmte Menge an Öl zu einem bestimmten Preis zu einem festgelegten Datum abnimmt. Gehandelt werden Futures über Terminbörsen. In der Praxis wird so Öl gekauft und verkauft. Und genau hier beginnt der Hamster für den Privatanleger, der keine Mega-Tanker samt erfahrener Crew in internationalen Gewässern liegen hat, zu humpeln.

Doch zurück zum Thema: Ölimporteure kaufen Futures, um Öl zu erwerben und Ölexporteure verkaufen Futures, um gefördertes Öl zu verkaufen. Hier wird der Weg über Futures (standardisierte Terminkontrakte) gewählt, um sich – je nach Markterwartung – von der Ölpreisvolatilität abzusichern. Zudem treten hier auch Spekulanten auf das virtuelle Parkett. Diese kaufen Futures mit dem Ziel, diese wieder teurer zu verkaufen noch bevor es zu einer tatsächlichen Lieferung des Rohstoffs kommt. Klingt einfach, ist es aber nicht. 

Auch interessant: Oftmals werden Futures mit Forwards verwechselst. Futures sind standardisiert (Menge, Preis, Datum) und börsengehandelt, womit der Markt den Preis bestimmt – also Angebot und Nachfrage. Forwards hingegen sind nicht standardisiert und nicht börsengehandelt – sie werden Over The Counter (OTC) direkt zwischen zwei Vertragsparteien gehandelt und besitzen individuelle Vertragsabsprachen.

Alles klar Stefan. Trotzdem ist Öl doch bei 0 €, oder? War sogar im Minus! Nach oben will ich dabei sein. Wie kaufe ich jetzt Öl?

Ich merke, Du bleibst dran. Zur Vollständigkeit nachfolgend drei Möglichkeiten. Doch wenn Du kein professioneller Rohstoffhändler bist, der das 20 Stunden am Tag macht, ist die Chance unfassbar groß, dass Du dieses Spiel mit dem Feuer haushoch verlierst. 

Möglichkeit 1: Futures und Optionen

Um überhaupt Futures und Optionen handeln zu können, benötigt man zum einen die richtige Börse und zum anderen den richtigen Vergleichsindex. Dadurch, dass seriöse und reglementierte Börsen Kriterien dafür haben, wer Futures und Optionen überhaupt handeln darf, kommen diese Möglichkeiten für den klassischen Privatanleger ohnehin nicht in Betracht. Derartig komplexe Finanzinstrumente sind zwar kein Hexenwerk und grundlegend transparent doch hier sind Spekulationen größtenteils professionellen Marktteilnehmern vorenthalten. Für Optionen würde sogar ein spezieller Options Broker benötigt werden. 

Hier der sehr interessante Erfahrungsbericht eines 28-Jährigen, der das notwendige Kapital HATTE, um mit einem Öl Future zu handeln und ja, alles verloren hat. 

Möglichkeit 2: CFDs

Mit CFDs wird auf die Preisentwicklung von einzelnen Futures und Optionen spekuliert. Die zugrundeliegenden Kontrakte werden dabei selbst nicht gekauft oder verkauft. Diese Möglichkeit bietet für nicht professionelle Marktteilnehmer geringere Eintrittsbarrieren doch der Zeitaufwand und das Risiko ist enorm hoch. 

Möglichkeit 3: Aktien, ETFs und ETCs

Der wohl einfachste Weg WÄRE – rein theoretisch – der Kauf von börsengehandelten Aktien der Ölgesellschaften oder der Kauf von entsprechenden Öl-Indexfonds über ETFs. Die dritte Möglichkeit im Bunde sind ETCs: Exchange Traded Commodities – also börsengehandelte Rohstoffe. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, denn diese sind nicht wie ETFs rein rechtlich Sondervermögen, sondern Inhaberschuldverschreibungen (Zertifikate) des entsprechenden Emittenten. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass wenn Du ein ETC auf beispielsweise WTI-Öl kaufst und der Herausgeber dessen Pleite geht, dann ist auch Dein Investment verschwunden bzw. Teil der Insolvenzmasse für die Gläubiger. 

Doch das ist nicht einmal das größte Problem. 

Das größte Problem hier ist, dass kaum einer der klassischen ETF-Anleger und Aktienkäufer weiß, dass man Öl so einfach nicht kaufen kann. Nein, auch nicht mit einem börsengehandelten Indexfonds, bei dem irgendwo WTI in der Bezeichnung steht. 

Und wenn Du bis hier gelesen hast, dann interessiert Dich das Thema wirklich … also:

Was denkt der Privatanleger? Ich kaufe Öl für ganz wenig Euro ein und verkaufe dann später, wenn die Wirtschaft wieder läuft, Förderkapazitäten vielleicht gekürzt sind und der Preis wegen der Nachfrage wieder steigt. Verständliche Gedankengänge doch leider nicht möglich. Öl wird über Futures gehandelt, die eine bestimmte Laufzeit haben, den Spotpreis, der bei den gängigen Portalen sichtbar ist, kannst Du nicht kaufen. 

Wenn Du denn einen ETC kaufst, der synthetisch einen WTI-Future abbildet, dann wird mit dem oder den zugrundeliegenden Future(s) bereits jetzt der Preis in der Zukunft gehandelt. Das bedeutet, dass auch der Markt und die Big-Player, die Kursbewegungen beeinflussen, wissen, dass die Wirtschaft durch Konjunkturprogramme und Bewältigung der Krise in der Zukunft wieder anziehen wird. Und ja, das ist alles bereits im Preis einkalkuliert, wenn man sich einen Öl-Future heute kauft. Es werden eben Preisannahmen in der Zukunft gehandelt. Für die echte Lieferung von echtem Öl. 

Wenn Du jetzt verstanden hast, dass Futures am Ende (bei keinem Verkauf vor Fälligkeit) Öl liefern und das keine Option ist, dann doch bitte ETCs oder? Das denken sich derzeit viele, wie an folgender Grafik zu sehen: 

Kleinanleger setzen auf steigende Ölpreise

Hier hoffe ich mit diesem Beitrag einige Spekulanten vor dieser Falle bewahren zu können.

Kleinanleger haben wohl leider auch 2020 noch nicht verinnerlicht, dass man im Gegensatz zu Aktien tatsächlich kein physisches Öl kauft, sondern einzelne Futures. Diese werden dann immer wieder – meistens monatlich rolliert.

Das bedeutet, dass ETCs oder umgangssprachlich auch „ÖL-ETFs“ nicht von einem steigenden Ölpreis profitieren, weil ein darauf folgender Kontrakt bereits höher eröffnet – es wird dann eben ein anderer Zeitpunkt in der Zukunft gehandelt. Und nein, das sind dann eben keine klassischen Kurssteigerungen wie bei Aktien. Da geht es um Lieferungskosten, Lagerkosten, Politik und Fördermengen in der Zukunft. Wer da ohne professionellen Background mitspielen möchte, ist schlichtweg auf dem falschen Spielplatz. Das schreibe ich so „hart“, weil ich nicht möchte, dass sich unsere Leser hier die Finger verbrennen, Geld verlieren und die ganz klassischen Fehler machen, wenn der Mainstream die Blockbuster-Überschriften bringt.

Was der Mainstream meist nicht sagt: Rohstoff-ETCs beziehen sich auf Futures (!):

… und Futures haben begrenzte Laufzeiten. Hier muss der ETC-Emittent regelmäßig vor dem Ende der Laufzeit verkaufen und neue Kontrakte kaufen. Das „Rollen von Futures“. Nun ist es entscheidend, ob der Folgekontrakt günstiger oder teurer ist als der bereits verkaufte. Gewinne oder Verluste. Rollgewinne oder Rollverluste. Welche Situation haben wir aktuell bei Öl? Richtig, Rollverluste. Die neuen Kontrakte sind teurer als die alten. Aktuell haben wir an den Ölmärkten sogar einen „Super-Contango“.

Eine Situation am Terminmarkt wird als Contango bezeichnet, wenn der Terminpreis für Lieferungen in der Zukunft über dem Kassapreis - dem Preis für eine Sofortlieferung - liegt. Rollverluste.

Contango

Eine Situation am Terminmarkt wird als Backwardation bezeichnet, wenn der Terminpreis für Lieferungen in der Zukunft unter dem Kassapreis - dem Preis für eine Sofortlieferung - liegt. Rollgewinne.

Backwardation

Aktuell werden zurecht auch die Stimmen von professionellen Tradern lauter, die darauf hinweisen, dass Privatanleger hier in ein Loch fallen, aus dem sie selbst nicht mehr rauskommen.

Der klassische Privatanleger kauft sich ein ETC oder eben ein Zertifikat auf Öl, googelt ein paar Sachen zu Rohstoff-Futures und legt los. Dann sieht er „steigende Kurse“ im nächsten Future und denkt, sein Zertifikat geht auch nach oben. Das Gegenteil ist aktuell der Fall. Wer hier nicht versteht und im Schlaf wiedergeben kann, warum das so ist, ist hoffentlich noch nicht investiert und tut dies auch nicht.

Ich selbst wähle daher definitiv keine dieser Möglichkeiten

Das, was zuletzt an den Rohölmärkten passiert ist, hat die Presse (…) natürlich ausgeschlachtet. Jetzt Öl ordern und Geld dafür bekommen! So ein Quatsch.

Doch weißt Du, was passiert ist?

Die klassischen Kleinanleger haben über ETCs in Rohöl investiert getreu dem Motto: Wenn der Preis bei 0 Euro ist, dann wird es schon wieder hoch gehen und ich bin dabei.

Falsch gedacht.

An der Börse fällt auch oft das Sprichwort: private money is stupid money. Klingt gemein doch ist hier leider sehr zutreffend. Warum?

Weil kein Öl im negativen Bereich zu Spekulationszwecken gekauft werden kann, außer man lässt es sich tatsächlich liefern, was mit Kosten in Millionenhöhe für Transport und Lagerung verbunden ist. 

Fazit

Für den klassischen Privatanleger ist die Spekulation auf einen steigenden (oder fallenden) Ölpreis nichts anderes als Russisch Roulette. Nervenaufreibend, unvorhersehbar und hochriskant. Kurzum: Finger weg, wenn Du sie Dir nicht verbrennen willst. 

ETCs (=“ETFs“ für Rohstoffe) können in Bezug auf Öl physisch nicht abgebildet werden. Stelle Dir vor, Du hast auf der einen Seiten einen physischen ETC auf Gold – das funktioniert, weil bereits kleine Volumen hohe Werte haben und gut lagerbar sind. Öl auf der anderen Seite hingegen verursacht fortlaufend enorme Lagerkosten: stelle Dir hier nur ein Barrel Öl vor, das ist ein Fass mit 158,987 Litern Öl, was nur einen Wert von aktuell 15 – 25 Dollar hat. Das kostet und kostet und kostet. Das spiegelt sich auch in den entsprechenden Kursen (Preisentwicklung) derivativer Finanzprodukte wieder. Zudem müssen die Futures in den ETCs immer wieder gerollt werden und dass am Ende Spekulanten, die keine Öllieferung wollen, mit einem dicken Minus aus diesem Geschäft gehen, haben wir aktuell eindrucksvoll gesehen. 

Als Privatperson wirst Du also kein Konstrukt finden, mit dem ein sinnvolles Ölinvestment möglich ist. 

Ich persönliche investiere lieber weiterhin in die weltweit größten Unternehmen. Da weiß ich, was ich mache und spiele nicht mit Geld, sondern lasse es tatsächlich auf lange Sicht sinnvoll für mich arbeiten. 

Anstatt mit CFDs intraday zu zocken oder 5 Bücher zu Futures durchzuarbeiten, deren Entwicklung am Ende des Tages von professionellen Marktteilnehmern in der Ölbranche für mich unvorhersehbar gelenkt wird, mache ich doch lieber einen schönen Spaziergang in der Sonne und erfreue mich einer stressfreien ETF-Strategie, die pflegeleicht ist und genau das macht, was sie machen soll: für mich arbeiten und eben nicht andersrum. 

Stefan Wirth

Stefan Wirth

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Über Stefan Wirth

Schön, dass Du hier bist! Meine Name ist Stefan und ich bin auf einer Mission: ich möchte Dir die Kontrolle über Deine Finanzen wieder in Deine eigenen Hände übergeben – ohne wenn und aber. Du kannst das am besten! Über 10 Jahre lang habe ich wertvolle Erfahrungen an der Börse und in Finanzinstituten gesammelt. Funktionierende Strategien möchte ich jetzt gern an Dich weitergeben. Viel Spaß damit!

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